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Rezension Bestandserhaltung 1997-2001

Ulrike Bürger und Susan Herion: Massenentsäuerung in der Schweiz

Arbido, 13 (1998), Nr. 3 (März), S. 18 - 20

Rezensent Peter Toebak

Massenentsäuerung von Archivalien und Bibliotheksgut ist noch immer ein aktuelles Thema. Die SLB (Schweizerische Landesbibliothek) und das BAR (Bundesarchiv) haben sich für das deutsche Batelle-Verfahren entschieden und hoffen bzw. erwarten, dass auch andere Bewahrinstitutionen in der Schweiz von einer projektierten Anlage in Wimmis profitieren wollen. 3.000 Tonnen Dokumente und Bücher auf säurehaltigem, nicht älterungsbeständigem Papier sind allein in BAR und SLB akut (oder potentiell?) von Zerfall bedroht und müssen "unausweichlich" konserviert werden. Umgerechnet geht es um etwa 75.000 lfm. (25 lfm. per 1000 kg.). Pro Jahr können 120 Tonnen, also 3.000 lfm. verarbeitet werden. SLB und BAR wollen in den ersten Jahren zusammen jeweils 80 Tonnen (2.000 lfm.) behandeln, was der Höhe eines jährlichen Rahmenkredits von Sfr. 2’000’000.- entspricht. Die Kosten belaufen sich damit auf Sfr. 1’000.- pro 1 lfm. (abgesehen von der Baukredit: Sfr. 13’500’000.-).

Beide Bundesinstitute bewerten resp. priorisieren ihre Bestände erst aufgrund inhaltlicher und materieller Aspekte, bevor sie zur konkreten Massenentsäuerung übergehen. Was kassierbar ist, sollte natürlich nicht behandelt oder gar mikroverfilmt bzw. digitalisiert werden. Die genannten 75.000 lfm. machen die gesamten Bestände der SLB und des BAR aus. Es ist anzunehmen, dass sich während der Selektion nicht alles Material als "bibliotheks-" oder "archivwürdig" erweisen wird. Diese Tatsache wird auch die logistischen und inhaltlichen Aspekte des Projekts vereinfachen: 1.000 lfm. pro Jahr per Institut zur Massenentsäuerung vorbereiten, transportieren und nachbearbeiten ist betriebsorganisatorisch keine kleine Sache!

Zwei wichtige Fragen werden im Artikel offen gelassen. Warum ist das Batelle-Verfahren das beste? Selbstverständlich sind Qualitätsstandards (aber welche?) einzuhalten, da sind aber mehrere Verfahren und das gewählte ist international nicht ohne Kritik geblieben. Es betrifft eine flüssige Behandlung, die sich vor allem für das heterogene Archivmaterial ("grosse Durchmischung" der Akten) nicht sofort eignen würde. Die Lebensdauer der Originale mit bester stabiler Papierqualität wird ausserdem nur um 150 Jahren verlängert.

Warum wählen SLB und BAR nicht grundsätzlich für das Mikroverfilmungsverfahren und beschränken sich auf die Entsäuerung jener originalen Objekte, die einen wirklich hohen intrinsischen Wert repräsentieren? Mikroverfilmung ist an sich teurer: 80 Tonnen oder 2.000 lfm. Dokumente und Bücher erfordern ungefähr 20.000.000 Aufnahmen à Sfr. 0.25, also eine Summe von etwa Sfr. 5’000’000.- pro Jahr. Aber wie sieht das Kostenverhältnis bei einer Vollkostenrechnung aus? Das Massenverfahren setzt immer wieder das Vorhandensein (zu) grosser Magazine voraus. Mikroverfilmung soll eine (geschätzte) Haltbarkeit von 500 (bis sogar 1000) Jahren gewährleisten und kann zudem eine effiziente und sicherstellende "Vorstufe" für die spätere, ebenfalls "unausweichliche" Digitalisierung bilden. Dürfen massenentsäuerte Dokumente und Bücher noch original im Lesesaal eingesehen oder sogar ausgeliehen werden? Oder setzen sie doch unumgänglich Folgearbeiten und -investitionen wie Mikroverfilmung und/oder Digitalisierung voraus? Usw.

Es ist gut, dass BAR und SLB ihre Wahl gemacht haben und mit ihrem Einfluss eine neue Möglichkeit zur Konservierung des Bibliotheks- und Archivmaterials in der Schweiz schaffen werden. Aber auch wenn das Batelle-Verfahren ausgereift wäre, sollte hier eine weitere Diskussion nicht ausbleiben, damit auch die übrigen Institutionen mit Bewahrfunktion eine verantwortliche Wahl machen können. Immerhin bleibt bei der geplanten Anlage für diese eine jährliche Behandlungskapazität von 40 Tonnen oder 1.000 lfm. in Wimmis frei. Die ausschlaggebende Frage ist zweifellos die Preisfrage: Wie sieht die Vollkostenrechnung bei Massenentsäuerung einerseits und Mikroverfilmung bzw. Digitalisierung andererseits aus?

Für die fransösische Übersetzung, siehe: Arbido, 13 (1998), Nr. 5 (Mai), S. 19 - 22.

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