Dokumenten Management und Archivierung GmbH
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Rezension Ordnen und Erschliessen 2007-2011

Jutta Bertram: Social Tagging. Zum Potential einer neuen Indexiermethode

Nachrichten für Dokumentation (NfD). Zeitschrift für Informationswissenschaft und -praxis, 60 (2009), Nr. 1 (Januar-Februar), S. 19 - 26

Rezensent Peter Toebak

Die Autorin behandelt das Social Tagging oder die Folksonomie als neue Indexiermethode im Rahmen des Web 2.0. Was sind die Stärken und was die Schwächen? Ausgangspunkt ist, dass es keine Regeln gibt; das Indexieren ist frei und schafft polydimensionale Sucheinstiege. Alle dürfen 'taggen'. Zweck ist die spätere Wiederauffindung. Objektive Kriterien spielen weniger eine Rolle, höchstens intersubjektive, noch mehr aber subjektive Merkmale. Das persönliche Informationsmanagement wird gross geschrieben: "the tool works like no other for personal information management of information on the web, but is also shared with the world to help others find the information" (20; Zitat von T. Vander Wal). Natürlich unterscheiden sich Tagging-Systeme und ermöglichen somit zu mehr oder weniger Kohärenz: Blind Tagging (ohne Hinweise), Viewable Tagging (mit Verweisen) und Suggestive Tagging (mit Vorschlägen).

Bertram äusserst sich (als Expertin der inhaltlichen Erschliessing im Bibliotheksbereich) recht kritisch über die Ergebnisse des Social Tagging, auch wenn sie gleichzeitig Funktionalitäten zur Korrektur und Strukturierung sieht (z.B. Relevance Ranking, Clustering, Synonymenbildung, Korrektur von Schreibfehlern): Suggestive Tagging "produziert einerseits ein gewisses Mass an Konsistenz und Konsens, anderseits perpetuiert es das Immergleiche" (22); die Stabilisierung des Tagging-Vokabulars vermeidet das Aufkommen von "Metadatenmüll" nicht, was zu Ballast und Verlust führt; "Ressourcen werden häufig mit sehr allgemeinen Tags und mit einer sehr geringen Anzahl an Tags erschlossen" (22); der "groben Einordnung" fehlen das Potential und die Qualität der Schlagwortvergabe. Weitere Fragen sind erlaubt: Wird das Fehlen einer zentralen Ansteuerung wettgemacht durch den Umstand, dass die Ressourcen von mehreren Personen gleich oder anders beschrieben werden (Social Intelligence oder gerade Simplifikation)? Sagt Tagging nicht mehr über den Tagger als über das 'Getaggte' aus? Bei welchem kritischen Mass findet die Korrektur statt?

Laien, so die Autorin, haben die Tendenz, auf der Hand liegende, eher abstrakte (allgemeine) und momentgebundene Tags zu vergeben; Experten zielen hingegen auf Differenzierung, Spezifizität, Vernetzung und Kontextualisierung ab. Das Spannungsfeld ist klar: Der "Suchende möchte möglichst ballast- und verlustfreie Zugriffsmöglichkeiten haben, der Erschliessende (...) möglichst zeit- und ressourcenökonomisch bei der Tagvergabe verfahren" (24). Wir kennen dieses Phänomen übrigens schon längst bei der deskriptiven Metadatierung in der Büroumgebung. Das Argument der Informationsüberflutung, die ohnehin umfangreiche Suchergebnisse liefert (von der Autorin nicht getragen), gilt natürlich nicht, sobald Genauigkeit, Vollständigkeit und Relevanz das Hauptgewicht der Suchabfrage davontragen (wie in betrieblichen Prozessen der Fall ist). Tags befassen sich aktuell und flexibel mit Inhalt, Herkunft, Form der Informationsquellen oder mit positiven oder negativen Wertungen. Zusätzliche Erschliessung mittels Tagging bleibt darum für die Informationsseite des Records Management interessant, wenn die Sachbearbeitenden dafür noch Zeit übrig haben. Bei der Kontext- oder Evidenzseite und der Verwaltungsseite der Records sieht es ganz anders aus. Hier ist Professionalität gefragt.

Bertram schliesst ihren gediegenen, gut dokumentierten Artikel mit der Feststellung ab, "dass wir als Information Professionals mit der Etablierung des Social Tagging nun auch auf der Inputseite an Autorität und exklusiver Zuständigkeit verlieren. Auf der Output- bzw. Rechercheseite ist uns diese ja ohnehin längst abhanden gekomen" (25). Wie gesagt, bei Dokumenten- und Records Management war dies schon seit der Einführung des PC in der Büroumgebung der Fall (Disintermediation). Es hat das Records Management geändert und vor allem wichtiger gemacht. Die Autorin sieht ebenfalls Chancen, z.B. bliothekarische oder dokumentarische Erschliessungs- und Suchsysteme mit "user-generated" Metadaten anzureichern oder brachliegende Bestände rudimentär zu erschliessen. Ganz sicher über die Entwicklung des Social Tagging ist sie damit noch nicht: "Ob daraus aber mehr als eine Spielwiese wird, bleibt abzuwarten" (25).

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